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01.07.08
Natur und Umwelt
Aufgrund eines fehlerhaften Gutachtens sollte ein alter Baum gefällt werden!
Ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht von Brita Bredel.

Am 6.11.2007 sollte unsere 80-jährige Silberlinde vor der Tür gefällt werden. Die Schilder mit den angekündigten Baumarbeiten ließen uns annehmen, dass der jährliche Baumschnitt fällig war, aber da am Tag zuvor ein ebenso großer Baum in der Reichenberger Str. 88 gefällt wurde, fragte ein Bewohner glücklicherweise nach und wir waren schockiert zu hören, dass unser Baum am nächsten Tag gefällt werden sollte.

Fünf Mitarbeiter des Bezirksamtes Berlin-Kreuzberg Abt. Naturschutz/Grünflächen diagnostizierten den aggressiven Holzzersetzer "Brandkrustenpilz" und sahen die Verkehrsicherheit gefährdet.

Dank unserer Aktivitäten und der logistischen Unterstützung der Initiative "Bäume am Landwehrkanal" konnten wir am 6.11.2007 einen einwöchigen Aufschub heraushandeln, um ein Gegengutachten zu erstellen. Dr. Michael Barsig konnte nach einem Augenblick einzig an Hand eines Fotos via e-mail sofort ausschließen, dass es sich hier um einen Brandkrustenpilz handelt. Er erstellte innerhalb einer Woche für einen sehr fairen Preis ein Gutachten aus dem klar und deutlich hervorging, dass die Verkehrssicherheit unseres Baumes nicht gefährdet sei.

Nach massivem Druck und persönlicher Vorsprache wurde mir durch Herrn Frank (Abt. Stadtentwicklung und Bauen) das vom Bezirksamt beauftragte Gutachten "Überprüfung der Baumstatik" der Firma Kusche & Partner (Baumpflege, Gutachten, Fällarbeiten und Neupflanzung) ausgehändigt. Das Fazit lautete "Der Baum ist bruchgefährdet und sollte aus Sicherheitsgründen gefällt werden. Eine eventuelle Sanierung oder zusätzliche Sicherung des Baumes ist nicht möglich, . . ."

Ich stellte überrascht fest, dass diese Überprüfung (bestehend aus 2 Seiten!) bereits am 20.9.2007 erstellt und am 23.10.2007 Herrn Frank übermittelt wurde. Innerhalb der folgenden 14 Tage ist es keinem der Mitarbeiter des Bezirksamtes aufgefallen, dass in diesem Gutachten nicht der Brandkrustenpilz diagnostiziert wurde, sondern der Schwefelporling (Laetiporus sulphureus). Leider ist auch diese Diagnose falsch gewesen, denn es handelt sich eindeutig und inzwischen auch durch ein Labor bestätigt um den viel weniger aggressiven "angebrannten Rauchporling" (Bjerkandera adusta).

Dr. Barsig überprüfte für uns dieses Gutachten und listete innerhalb eines Tages auf einer ganzen A4 Seite diverse sachliche Mängel auf. Bis heute hat sich weder das Amt noch die Firma Kusche & Partner dazu geäußert.

Wir fragen uns, wie es dazu kommen kann, dass auf Grund einer mehrfachen Fehleinschätzung hier einfach Bäume gefällt werden, Steuergelder verschleudert werden und die Natur zerstört wird, ohne dass vorher eine Untersuchung durch einen qualifizierten Gutachter oder kompetenten Mitarbeiter stattfindet. Ohne unseren Einsatz wäre dieser Baum am 6.11.2007 gefällt worden.

Frau Kalepky (Baustadträtin Friedrichshain-Kreuzberg) hatte nun die Aufgabe zwischen diesen beiden widersprüchlichen Gutachten zu entscheiden und sie sagte mir am Telefon ganz unverblümt, dass sie keinerlei sachliche Einwände gegen Dr. Barsig hätte, ihn aber aus politischen Gründen nicht akzeptieren könne. Mal abgesehen davon, dass sie die Motive ihres Handelns nicht erklärte, es hätte uns auch nicht interessiert, da Dr. Barsig bisher der erste war, der eine fachlich saubere Arbeit abgeliefert hatte. Und bis heute konnte ihm noch niemand einen Fehler nachweisen.

Wir erklärten nun sehr deutlich, dass wir auf Grund des von uns bezahlten Gutachtens keine Fällung mehr akzeptieren würden und auch Frau Kalepky hatte inzwischen am Landwehrkanal genug Erfahrung gesammelt, um zu wissen, dass die Kreuzberger ihre Bäume mit allen Mitteln verteidigen würden. Zwischenzeitlich erkundigte ich mich bei einer Servicenummer der Berliner Polizei nach den Möglichkeiten des legalen Widerstandes gegen eine mögliche Fällung (an sich schon ein sehr lustiger Vorgang) und dort sagte man mir: "Ich hätte die Arbeit der Behörden nicht in Frage zu stellen, denn die Mitarbeiter des Bezirksamtes wüssten schon sehr genau, was sie täten". Wie sollte ich nun erklären, dass wir gerade genau das Gegenteil erlebt hatten.

Es sollte nun also ein drittes Gutachten erstellt werden finanziert mit öffentlichen Geldern durch einen unabhängigen!! Gutachter. Frau Kalepky sicherte uns zu, dass es ein Schallgutachten sein könne, aber wir müssten einen Gutachter von ihrer Liste auswählen. Dr. Michael Barsig, der uns ein Angebot über 100 EUR unterbreitet hatte, wurde bereits im Vorfeld ausgeschlossen.

Keiner der drei vorgeschlagenen Gutachter kam aus Berlin, alle drei veranschlagten einen Preis um die 1000 EUR und schließlich entschieden wir uns für Christoph Beckschulte aus dem Mühlenbecker Land und zwar einzig und allein, weil er bei unserer Preis- und Informationsabfrage der freundlichste und offenste war. Er war so engagiert, dass er schon vor Beauftragung durch das Bezirksamt eine kurze Besichtigung nach Berlin unternahm und eine erste Stellungnahme abgab. Diese Vorbemerkungen nach einer flüchtigen Visite veranlassten uns am selben Abend unsere Entscheidung für ihn zurückzuziehen, denn er sagte:

- die Schalltomografie sei keine brauchbare Technologie für unseren Baum und er hatte auch keine Idee was stattdessen zu tun sei
- er müsse ein Podest bauen, um die Messungen durchzuführen, obwohl eine Leiter in der Höhe völlig ausreichend ist
- und er schätzte den Zustand unseres Baumes als sehr schlecht ein

Wir mussten einfach den Eindruck haben, dass Herr Beckschulte zu unerfahren und unsicher mit der Schalltechnologie war und bereits eine vorgefertigte Meinung hatte, denn es war ganz klar, dass man den Zustand unseres Baumes nicht an Hand einer kurzen Besichtigung einschätzen konnte. Er war im Anschluss daran so freundlich uns sein Engagement in Rechnung zu stellen und forderte 62,47 EUR für "die Ortsbesichtigung und eingehende persönliche Beratung".

Wir schlugen nun stattdessen Frank Rinn vor, der uns von Dr. Barsig empfohlen wurde und da er und seine Firma Rinntech die technischen Entwickler des Schallmessgerätes Abotom waren, hatten wir zumindest die Sicherheit, dass die Technologie beherrscht wurde. Wir waren doch angenehm überrascht, dass Frau Kalepky unseren Vorschlag akzeptierte, aber sie forderte, dass Frank Rinn mit Roland Dengler zusammenarbeiten sollte (einer der Gutachter auf der Liste, die wir gerade abgelehnt hatten). Wir waren so freundlich nicht mehr nachzufragen, ob jetzt zwei Gutachterhonorare fällig wären und akzeptierten diesen Kuhhandel.

Ich bemühte mich sehr, die bereits in der Baumschützer-Szene kursierenden Gerüchte und Erfahrungen mit diesem Gutachter-Team zu ignorieren und wollte nicht die Probleme der anderen zu meinen eigenen machen. Ich war sehr freundlich und sehr offen zu beiden. Frei nach dem Motto, wenn wir schon untergehen, dann wenigstens mit Stil und ich muss sagen, diese Strategie hat sich ausgezahlt, denn die Zusammenarbeit war sehr angenehm. Beide haben sich sehr engagiert und zusammen allein vor Ort ca. 7 Stunden Messungen durchgeführt und besonders Herr Rinn hat mit unendlicher Geduld und Freundlichkeit diverse Fragen von großen und kleinen Leuten auf der Straße beantwortet.

Leider liegt uns das Gutachten immer noch nicht schriftlich vor. Wir warten darauf bereits seit 17 Wochen!! Die Gründe dafür liegen bei Herrn Rinn. Immerhin haben wir schriftlich, dass der Baum ohne Einkürzung stehen bleiben kann, in einem guten vitalen Zustand ist und keine Gefährdung darstellt. Wir betrachten ihn deshalb als gerettet und werden in den nächsten Jahren genau beobachten wie seine weitere Entwicklung verläuft. Ich frage mich, ob auch nur ein Mitarbeiter egal welchen Amtes sich je die Frage gestellt hat, wie sich das anfühlt, wenn man abends von der Arbeit kommt und der geliebte Baum vor der Tür ist einfach weg. Ist es zuviel verlangt, zumindest die direkten Anwohner vorher schriftlich zu informieren? Liegt es am knappen Budget, das man lieber in doppelte Gutachtergehälter steckt oder ist die Angst vor Widerstand zu groß? Die Einwände Frau Kalepkys gegen Dr. Michael Barsig mögen berechtigt sein, das kann ich nicht beurteilen, aber ob sie ausreichend sind um mindestens das Zehnfache an öffentlichen Geldern auszugeben, das muss Frau Kalepky mit ihrem eigenen Gewissen vereinbaren.

Für uns Anwohner ist diese Haltung sehr fatal, denn die erheblich höheren Honorare können gar nicht mehr bezahlt werden und somit verhindert sie die Möglichkeit eines oft notwendigen Gegengutachtens. Ich kann nichts Schlimmes darin entdecken, dass ein Baumgutachter Bäume liebt und alles dafür tut, Bäume zu retten. Offen bleibt die Frage wie viele von den 225 Bäumen, die in Friedrichshain-Kreuzberg gefällt werden sollen wirklich gefährdet sind? Auch unser Baum ist krank, hat einen Pilz, ist morsch und trotzdem muss er nicht gefällt werden. Wir hoffen, dass unsere Geschichte anderen Mut macht sich gegen inkompetente und voreilige Maßnahmen zu wehren.

Wir brauchen unsere Bäume!

Wir danken besonders Dr. Michael Barsig und Achim Appel von der "Initiative Bäume am Landwehrkanal" für ihre fachliche und moralische Unterstützung.

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